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Zürcher Demonstration

24. Oktober, 2005

Aufnahme von János Banos, Reporter

(gekürzte, abgeänderte Fassung)

Zürich liegt relativ weit, etwa 1100 km von Budapest entfernt. Was wollen die Demonstranten tun? Das frage ich Tamás Varga, einen der Eigentümer der Magyar Cement Kft.

Der Erlaubnis unserer Demonstration zufolge dürfen sich höchstens fünfundzwanzig Personen vor dem hier befindlichen Lastwagen, auf dem ein Foto der Zementfabrik Hejőcsaba zu sehen ist, versammeln und wir dürfen - während das Lehel-Horn geblasen wird - die Holcim Führung zur Rückerstattung unserer Aktien auffordern.

Gibt es Hoffnung, dieses Aktienpaket zurückzubekommen?

Es hat sich herausgestellt, dass innerhalb des ungarischen Gerichtswesens keine Hoffnung besteht, denn in Ungarn gibt es ein rechtskräftiges Urteil, das besagt, dass Holcim zwar mit Vertragsbruch und auf rechtswidrige Weise die Aktien der Zementfabrik angeeignet hat, und die Wiedergutmachung in erster Linie durch die Rückgabe der entwendeten Aktien vonstatten gehen könnte. Wegen der Vernichtung der Aktien durch Holcim sowie der inzwischen eingetretenen Veränderungen sei der ursprüngliche Zustand seitens Holcim Magyarország Rt. und Partner allerdings nicht wiederherstellbar. Das Urteil besagt, dass die entstandene Schadenssumme festgestellt werden und diese von denjenigen erstattet werden muss, die sich zur Aneignung verbündet haben. Wir hingegen denken, dass insofern die ungarische Holcim-Tochter die Zementfabrik nicht zurückgeben kann, die schweizerische Muttergesellschaft, die die ganze rechtswidrige Aktienbeschaffungsaktion geplant und die Umsetzung geleitet hat, dies bestimmt bewerkstelligen kann. Zur Verpflichtung der Muttergesellschaft der Holcim muss ein Gerichtsverfahren in der Schweiz in die Wege geleitet werden. Wenn unserem Kenntnisstand zufolge jemand das Eigentum eines Anderen entwendet, fällen die Gerichte – anhand identischer Gesetze – keine Urteile nach dem Motto: wenn schon so passiert, sollen sie es behalten. Das ist der Grund, weshalb wir hier sind, in der Schweiz und hier unsere Forderung und unsere Rechte geltend machen wollen.

Stellen Sie sich bitte vor und erzählen Sie, warum Sie sich in der Sache der Zementfabrik neben die Ungarn gestellt haben?

Mein Name ist Klaus Stöhlker, ich bin Leiter der größten strategischen PR-Agentur der Schweiz, und helfe der Magyar Zement, weil ich überzeugt bin, dass Holderbank (früherer Name der Holcim) sich nicht korrekt verhalten hat. Ich bin der Meinung, dass man sich gegenüber ausländischen Geschäftspartnern ebenso korrekt verhalten sollte wie gegenüber Schweizern. Die Ungarn sind ein europäisches Volk, wenn wir gemeinsam in Europa leben wollen, müssen wir Geschäfte miteinander abschließen und ich kann Herrn Kálmán und seine Geschäftspartner verstehen; sie wussten nicht wie sie mit diesen schweizerischen Geschäftsleuten umzugehen haben. In der Schweiz wissen wir, dass die alte Holderbank (jetzt Holcim) bereits viele Verstöße auf der Welt begangen hat. Ich kenne den neuen Holcim-Vorsitzenden sehr gut, er hat die Führung der Holderbank übernommen, um erneut für Ordnung im Unternehmen zu sorgen, und hoffe, dass Dr. Soiron über soviel Kraft verfügt, seinen Willen in diesem Konzern durchzusetzen. Nach der Besprechung mit Dr. Soiron vor vierzehn Monaten kann ich sagen, dass schweizerische und gewisse ungarische Anwälte ihr Leben erschweren.

Woher nehmen Sie Ihren Mut, sich neben eine ungarische Firmengruppe zu stellen, die unbedingt will, dass ungarische Werte wieder Teil ungarischer Werte werden?

Natürlich birgt das auch für mich ganz große Risiken. In der Schweiz gibt es Dutzende vonGroßkonzerne, von denen auch natürlich einige unsere Kunden sind. Diese Konzerne arbeiten sehr eng zusammen, aber ich bin schon lange in diesem Geschäft und bin unabhängig, das weiß jeder in diesem Land. Und jeder weiß, im Falle dass ich solch eine Aufgabe annehme, ich sehr fest von der Korrektheit der Ungarn überzeugt bin.

Aus Ungarn sind zwanzig-dreißig Leute angereist, um vor dem Holcim-Firmensitz zu demonstrieren. Doch nicht laut und lärmend, sondern still. Und zwar, um das Aktienpaket, das ihnen Holcim weggenommen t hat, zurückzubekommen. Jetzt macht sich die Gruppe auf den Weg, wir gehen am Firmensitz der Holcim vorbei, hinaus auf die Straße, auf der es noch im Sommer verboten war, zu demonstrieren.

Jetzt sind wir schon vor dem Unternehmen, wo ein Lastwagen steht, der schon im Sommer hier stand, und jetzt mit ungarischen Fahnen bestückt ist. Vor mir bringt ein in Schäferpelz gekleideter Mann ein Horn. Kann man sagen, dass Ihr ungarisches Herz Sie hierhergebracht hat?

Ja, mich bestimmt! Ich habe bei der Firmengruppe gearbeitet und denke, dass uns solch ein Unrecht widerfahren ist, dem Genüge getan werden muss.

Vor der Firmenzentrale ist es ruhig, man kann nur den Verkehr hören. Ob dies zu einem Ergebnis führt, wird sich in den nächsten Monaten, Jahren zeigen.

Herr Nándor Varga steht mir mit einem Lehel-Horn gegenüber. Was für ein Gewand tragen Sie?

Einen traditionellen, alten, ungarischen Schafspelz.

Und warum wollen Sie dieses Horn blasen?

Als Warnung, um uns unser Recht zu verschaffen.

Und denken Sie, dass das zum Erfolg führt?

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Wie unsere Vorfahren, glaube ich auch, dass die Wahrheit früher oder später ans Licht kommt.

Und was ist die Wahrheit?

Die Zementfabrik und die Aktien müssen den rechtmäßigen Eigentümern – nämlich uns – zurückerstattet werden.

Sie wollen also unbedingt, dass die Zementfabrik in ungarischem Eigentum bleibt?

Ja, das wäre die einzige ungarische Zementfabrik, die wieder ungarisches Eigentum werden könnte.

(Hornsignal)

Eine Stunde ist vergangen, während die Demonstranten regungslos hier standen. János Kálmán wird ein paar Worte sagen.

  

    (Dr. János Kálman )


Liebe Freunde!


Erlaubt mir, dass ich Euch zum Anlass unserer heutigen traurigen Zusammenkunft einige meiner Gedanken mitteile.

Vor allem möchte ich durch die hier Anwesenden auch denjenigen danken, die uns von zu Hause aus unterstützen, die Tag für Tag Opfer bringen, damit wir diesen Kampf nicht aufgeben müssen. Nur damit die wenigen schweizerischen Anwesenden diese Opfer ermessen können, erwähne ich, dass viele unserer Mitarbeiter 400 Schweizer Franken im Monat verdienen, und mit der dafür verrichteten ehrlichen Arbeit tragen sie zu diesem Kampf bei, in den nun endlich auch die Hiesigen einen Einblick bekommen haben.

Es ist schon schicksalshaft, dass wir gestern den 59. (49.) Jahrestag der 1956er Revolution feiern konnten und sich morgen die Wegnahme unserer Aktien der Zementfabrik Hejőcsaba zum neunten Mal jährt. Dass die beiden Ereignisse so nah beieinander liegen, ist schon ein Glücksfall für uns, denn wir machen nicht den Fehler, unser Selbstmitleid Herr über uns werden zu lassen. Wenn wir an die 453 denken, die ihr Leben der Freiheit geopfert haben, was ist dann unser Kampf im Vergleich zu ihrem?

Ein paar Sätze darüber, warum wir hier sind. Vor allem, um diese Herren in diesem Glaspalast zu warnen und daran zu erinnern, dass wir mit ihnen noch eine Rechnung zu begleichen haben, sie uns noch Rechenschaft schuldig sind. Rechenschaft! Die Rechenschaft ist keine Bitte, und vor allem kein Flehen und die Rechenschaft ist keine Vergeltung. Allerdings ist die Rechenschaft die Rückforderung all dessen, das uns entwendet wurde, und zwar bis zur letzten Aktie und bis zum letzten Cent.

Ich kann nicht darum herumkommen, zu erwähnen, dass unser EU-Beitritt dieser Angelegenheit ganz neue Perspektiven verleiht. Wir verstehen die Macht der Worte viel eher als diejenigen, die in diesem Gebäude sitzen. Denken wir nur an Havel Václav, László Tőkés oder Bischof Tempfli, an seinen zerbrechlichen Körper und das Gewicht seiner Worte. Wenn jemand glaubwürdig ist, wenn jemand die Wahrheit sagt, haben seine Worte eine riesige Kraft. Diese Kraft werden die Herren in dieser Lügenburg kennenlernen. Denn hinter diesem Glaspalast steht eine Lügenburg, aus der wir uns unsere Ziegelsteine zurückverschaffen werden. Was uns entwendet wurde, werden wir aus der Wand reißen und die Lügenburg wird zusammenstürzen.

Ich glaube, das Ziel unserer Herreise ist, außer der Mahnung, auch die Herren zu beschuldigen, die hier drin sind und uns hinter ihren Fenstern beobachten, was wir hier machen. Wir beschuldigen sie vor allem, uns unserer Freude beraubt zu haben, der Freude eines Unternehmens, eines anständigen Unternehmens. Die hier drin glauben, die einzige Freude eines Unternehmens besteht aus Geld. Die hier auf der Straße stehen, wissen, dass das bei Weitem nicht wahr ist. Die Freude des Unternehmens bedeutet die gemeinsam verrichtete Arbeit und deren Erfolg. Die jetzt hier sind, die die Daheimgebliebenen vertreten und unsere gemeinsame Sache auch mit ihrer Anwesenheit unterstützen, wissen, wie wahr das ist.

Zum Schluss möchte ich mich bei Euch allen für die disziplinierte Teilnahme bedanken, die in völligem Einklang steht mit dem elf Jahre andauernden, konsequenten Kampf, uns mit unserer Ausbeutung und Demütigung nicht abzufinden und die Einigung im rechtmäßigen und partnerschaftlichen Rahmen zu suchen. Entgegen der multinationalen, globalen, über allen anderen stehenden Denkweise gehen wir weiter den ungarischen Weg, der Teil der europäischen Traditionen ist.

Danke schön!


Ich habe Janos Kalman Anfang August hier in Zürich getroffen, in demselben Wagen, in dem er seit Monaten demonstriert. Damals sagte er, dass er so lange keinen ungarischen Boden betritt, bis er Gerechtigkeit findet. Es sind ein paar Monate vergangen, hat er seine Gerechtigkeit gefunden?

János Kálmán: Nein, noch nicht. Meine innere Gerechtigkeit, meinen inneren Seelenfrieden hingegen habe ich gefunden.

Die Lehren Jesu appellieren an die Liebe. Ist es jetzt möglich, mit Nächstenliebe an diejenigen zu denken, die Sie beraubt haben, oder müssen Sie auf jeden Fall für Ihr Recht einstehen?

Ich muss an die Gedanken, die ich an meine Freunde und Kollegen zum Anlass des Gedenkens gerichtet habe, zurückverweisen. Wir sind nicht hier um zu betteln, um mit Almosen abgespeist zu werden oder um Vergeltung zu üben, wir tragen keinen Hass in unseren Herzen. Es gehört zur Würde des Menschen, die Demütigung nicht anzuerkennen. Es darf nicht ohne Konsequenzen bleiben, was die mit uns angestellt haben. Das ist kein Hass. Wir mussten elf Jahre lang viel Demütigung, Rechtsverletzung und Rechtsmissbrauch über uns ergehen lassen. Wir haben versucht, dem auf gesetzlichem Wege Abhilfe zu schaffen. Mit wenig Erfolg, das ist wahr. Aber wir gehen den gesetzlichen Weg weiter und bleiben dabei, sie zu warnen, dass sie ihre Rechnung noch nicht beglichen haben, dass die Angelegenheit noch nicht vom Tisch ist.

Was ist der nächste Schritt?

Ich denke, dass wir keine andere grundlegende Möglichkeit haben als den bisherigen Weg weiterzugehen und auf diesem Weg wird sich unser Recht bewahrheiten. Davon bin ich überzeugt. Obwohl wir für unser Recht auf dem Rechtsweg einstehen, habe ich dennoch das Gefühl, dass nicht irgendein Gerichtsurteil die Angelegenheit endgültig abschließen wird.

Am Anfang des Interviews haben Sie vor einigen Monaten gesagt, dass Sie so lange keinen ungarischen Boden betreten, bis Sie hier in der Schweiz, in Zürich Ihr Recht bekommen. Bleiben Sie bei dieser Behauptung? Wann kommen Sie nach Ungarn?

Schauen Sie, ich habe es noch niemanden gesagt, aber wenn Sie Ihre Frage schon darauf zuspitzen: Erstens bleibe ich dabei, und zweitens weiß ich nicht, wann ich dazu komme, nach Ungarn zurückzukehren und ob ich es überhaupt noch erlebe. Und wenn wir schon dabei sind, darf nicht einmal meine Asche nach Ungarn zurückgebracht werden, solange die Angelegenheit nicht geklärt ist. Jemand wird nach mir kommen, einer meiner Enkel oder Kinder oder jemand der will, dass ich heimkehre, und derjenige wird herkommen und weiterkämpfen, aber wir werden nie aufgeben.